Textatelier
BLOG vom: 28.04.2010

Klare Folge der Globalisierungsfusionitis: Too big, must fail

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein/AG CH (Textatelier.com)
 
Die krankhafte, weltumspannende Fusionitis, die als Globalisierung die ganze Erde in jeder Beziehung (wirtschaftlich, ökologisch, sozial, sicherheitspolitisch usf.) destabilisiert, zeitigt immer dramatischere Auswirkungen.
 
Neben dem US-amerikanischen Allmachtsstreben ist der Drang zum ununterbrochenen Grössenwachstum (als ob es so etwas geben könnte ...) mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung eine der hanebüchenen Triebfedern der Globalisierung. Sie bedingt eine weltweite Vereinheitlichung durch Zusammenschlüsse auf allen Ebenen, damit das universelle Geschehen auf eine einfache Weise lenk- und kontrollierbar ist.
 
Eine der irrwitzigen Globalisierungsgrundlagen ist die in den USA entstandene, auf die Kurzform „Too big to fail“ (TBTF) gebrachte Philosophie: „zu gross, um zusammenzubrechen“. Sie geht in ihrer ursprünglichen Ausprägung davon aus, dass ein riesengrosses Unternehmen (oder anderweitiges Gebilde) in sich so stabil und breit abgestützt ist, dass es keinesfalls untergehen kann. Die Logik entspricht etwa jener, dass Jumboflugzeuge nicht mehr abstürzen können, wenn 800 und mehr Personen darin Platz finden. An sich müsste jeder Dorftrottel merken, dass dies ein blühender Blödsinn ist. Weil es aber die Amerikaner waren, welche diesen Bocksmist zusammen mit ihren anderen „Werten“ wie ihre geistige Unkultur in die Welt setzten, musste man daran eben glauben.
 
Das TBTF-Denken erhielt im Rahmen der gigantischen Hypothekar- und Finanzkrise, mit denen nach dem Dollarzerfall das Leben auf Pump der Amerikaner nachträglich finanziert werden musste, eine abgewandelte Bedeutung. Die Schuldenwirtschaft als ideologisches Produkt, wie im Nachhinein selbst der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan eingestand (als es ohnehin offensichtlich war), diente aus Nährboden für Riesenbanken, die als Schrotthändlerinnen aufblühten und sich traumhafte Entlöhnungs- und Boni-Exzesse leisten konnten. Einige Banken hatten Jumbo-Dimensionen erreicht und hätten nach der herkömmlichen Logik aus eben diesem Grund keinesfalls untergehen können. Das Gegenteil war der Fall. Viele von ihnen kamen gerade wegen ihrer Grösse und den damit verbundenen Milliardenverlusten ins Trudeln. Aber weil sie so unendlich gross geworden waren, konnte es sich die Politik nicht leisten, sie zusammenbrechen zu lassen, weil sie sonst ganze Volkswirtschaften und am Ende wohl auch die globalisierte, zu einem gigantischen Geschwür verwachsene Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen hätten. Sie waren also zu gross, als dass man es sich leisten konnte, sie einstürzen zu lassen. Oder, sinngemäss auf den Flugzeug-Vergleich abgewandelt: Je mehr Passagiere ein Flugzeug fasst, desto grösser ist die Katastrophe, wenn es abstürzt.
 
So weit sind die Erkenntnisse jetzt gediehen. Das war’s dann schon. Doch selbstverständlich ist der Weisheit letzter Schluss noch nicht erreicht. Die Gefahr eines Zusammenbruchs wächst mit der Grösse. Dazu ein Beispiel aus der Architektur: Ein einstöckiges Haus läuft weniger Gefahr, umzufallen, als ein 120-stöckiger Wolkenkratzer. Ich erinnere mich an ein „Wetten, dass ...“-Spielchen mit Thomas Gottschalk, wie es die Spassgesellschaft liebt. So musste eine grosse Zahl von Kunststoffharassen aufeinander gestellt werden – zu einem hohen, schlanken Turm, der nicht einstürzen durfte. Bei 1 bis 10 Harassen war das überhaupt kein Problem: Doch je mehr der Turm in die Höhe wuchs, desto mehr begann er zu schwanken, und er knickte bei Versuch, ihn um ein weiteres Gebinde zu erhöhen, endlich ein.
 
Auch die Natur, die ihre Stabilität aus einer exzessiven Diversifikation bezieht, kann beispielgebend wirken: Eine riesige Monokultur, zum Beispiel eine Niederstammplantage oder ein viele Hektaren grosses Feld mit einer einzigen Feldfrucht, ist wesentlich schädlings- und störungsanfälliger als ein artenreiche Streuobstwiese oder ein Biobetrieb, auf dem eine Vielzahl von Landwirtschaftsprodukten hergestellt wird, in dem die Kreisläufe noch funktionieren und Ungleichgewichte ständig ausbalanciert werden. Monokulturen sind intensivpflegebedürftig, bedürfen aller möglicher Zide (wie Insektizide), um einigermassen über die Runden zu kommen, ergeben minderwertige Produkte. Das mussten sogar die Förster einsehen, die mit ihren Fichtenreinbeständen dem Waldsterben und Sturmschäden Vorschub leisteten.
 
Das Motto „Too big to fail“ müsste nach einer prägnanten Kurzformulierung meines Bruders Rolf P. Hess also in „Too big, must fail“ abgewandelt werden: Was zu gross ist, hat keinen Bestand. Die Risiken und die Zerfallsgefahr steigen mit zunehmender Grösse an.
 
Das gilt durchs Band, auch für Länderzusammenschlüsse, aus denen eine Einheitswährung nach EU-Euro-Muster hervorgeht. Wenn etwa Griechenland, das sich mit Bilanzfälschungen und US-Unterstützung in die Euro-Zone hineinmogelt hat, dem Staatsbankrott zustrebt, ist das jetzt nicht mehr seine Privatsache, sondern zu seiner Freude muss die EU als Organisation solidarisch helfen und wahrscheinlich vorerst einmal 40 Milliarden Euro einschiessen, im Wissen, dass das hinten und vorne nicht ausreichen wird. Die allmächtige, weltgrösste Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit Griechenlands am 27.04.2010 auf den Ramschstatus herabgestuft (BB+ mit negativem Ausblick; die Einstufung der Anleihen ist nun beim Non-Investment-Grade angekommen) – dass Griechenland pleite ist, wusste jedermann ohnhin (wäre Griechenland ein US-Bundesstaat, käme es noch mit 3 A daher). Nach US-Muster hat auch Griechenland weit über seine Verhältnisse gelebt. Auch Portugal fiel die Leiter hinunter (vorerst von A+ auf A-), der Beginn einer Staatspleitenserie, die ein Land ums anderes erfassen wird. Die Börsen brachen am 27.04.2010 prompt ein, der Goldpreis machte einen Freudensprung.
 
Den Löwenanteil ans morode Griechenland müsste das total verarmte Deutschland, das sich seit Jahrzehnten von allen Seiten wie eine Zitrone auspressen lässt, mit etwa 8 Mia. Euro beitragen. Was Frau Angela Merkel in diesem Zusammenhang auch immer tun wird, muss sich als falsch erweisen – sie sitzt in der Falle: Hilft sie aus ihren leeren Kassen (solche Kunststücke sind an der Tagesordnung), kommt es zu Protesten im deutschen Volk, und andere Bankrottkandidaten wie Portugal,Spanien, Italien (der „Club méditerranée der leeren Kassen“), Island usf. müssten an der Schwelle zum Staatsbankrott gleich behandelt werden. Hilft Frau Merkel nicht, kommt der ganze Euroraum ins Wanken wie der erwähnte Gebindeturm von Gottschalks Gnaden. Die Hilfsaktion würde weltweite Dimensionen erhalten, wenn der Internationale Währungsfonds IWF ebenfalls einspringen sollte. Dieser hängt finanziell vor allem am US-Gängelband, einer ebenfalls hochhaushoch verschuldeten Nation. Wetten, dass ...
 
Beim Helfen geraten die Helfer selbstverständlich selber in Bedrängnis: Tatsächlich sind die USA, Deutschland, Spanien, Portugal, Italien usw. bis über beide Ohren verschuldet. Sie alle sind wirtschaftlich TBTF, und in dieser Verklüngelung werden sie gemeinsam in den Abgrund gerissen, sobald das Problem nicht mehr mit den üblichen währungspolitischen und buchhalterischen Tricks zu lösen ist. Die Bündnisverpflichtungen würden sogar gesunde Staaten zerstören, denn es wird ja logischerweise immer dort etwas geholt, wo etwas zu holen ist – und wo viel zu holen ist, wird viel geholt. Man erinnere sich etwa ans jüdische Holocaustgeschäft und die Schweiz.
 
Der Pleitegeier zieht seine Kreise immer weiter. Der Umstand, dass die deutsche CSU Griechenland den Austritt aus der Europäischen Währungsunion nahelegte, bestätigt indirekt, dass es an sich keine anderen Lösungen mehr gäbe als das Zurück zu kleineren Einheiten. Doch die verbreitete, offensichtlich unheilbare Geistesverwirrung verhindert eine Umkehr. Und zudem will doch niemand zugeben, wie man sich verrannt hat. Peinlich.
 
Inzwischen entwickelt sich die vernetzte Welt zu einer Intensivpflegestation, die ständig ausgebaut und deren Therapien laufend ausgeweitet werden müssen. Man bewahrt die verzweifelt an den Schläuchen zappelnden hängenden Patienten noch eine Zeitlang mit allen erdenklichen teuren Pseudotherapien vor dem Tod. Das Spital muss laufend ausgebaut werden, bis es dann selber an seinen Kosten erstickt, wegen seiner Grösse verendet.
 
Das System wird immer kostspieliger und produziert neben einigen finanzmächtigen Profiteuren Heere von Verarmten, Sozialschwachen. Es provoziert Unruhen, Überwachungsmassnahmen bei Abschaffung des Datenschutzes, Polizei- und Armeeeinsätze, aber auch Subversion und Terror. Und in solch dramatischen Lagen schrecken selbst verarmende Staaten nicht mehr vor Gaunereien zurück. Sie entwickeln unvorstellbare Aggressionen, um die leeren Kassen noch einmal kurzzeitig zu beleben. Derartige Erscheinungen fasste man in den 1920er- und 1930er-Jahren mit „Faschismus“ zusammen, der in der Einleitung zu Noam Chomskys Buch „Profit Over People“, dieser Abrechnung mit dem Neoliberalismus, von Robert W. McChesney als „Kapitalismus ohne Maske“ bezeichnet wird (demokratische Rechte und Organisationen sind abgeschafft). Das neoliberale System habe als notwendiges Nebenprodukt „ein entpolitisiertes, von Apathie und Zynismus befallenes Staatsbürgertum“. Es ist deshalb heute zwar weniger nationalistisch als jenes vor 80 bis 90 Jahren, das heisst, weniger auf staatliche Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedacht, was auch ein Ausdruck von Gleichgültigkeit sein kann.
 
Die Wirtschaft hat sich zur dominanten Grösse emporgearbeitet, wie es zum Neoliberalismus als einer Unterabteilung der Globalisierung gehört: der Staat hat vor allem ein günstiges Umfeld für das Wirtschaftsgedeihen zu schaffen. Das ist sein Hauptzweck. Die politischen Parteien werden von der Wirtschaftslobby korrumpiert und dirigiert und damit selbstverständlich auch der Präsident, wie das US-Muster besonders deutlich belegt. Politiker, welche die Marionettenrolle nicht spielen, haben einen schweren Stand. Es bedarf schon starker demokratischer Strukturen, um solchen Erscheinungen die Stirn zu bieten. Die Schweiz muss Sorge zu ihnen tragen.
 
Verschiedene Wirtschaftsdogmen wie die Unfehlbarkeit des unregulierten Markts sind längst dieselbe Makulatur wie die päpstliche Unfehlbarkeit. Der Neoliberalismus gebiert eine Katastrophe nach der anderen, und noch immer wird so getan, als ob die zu Alteisen erstarrte Margaret Thatcher mit ihrem TINA-Geistesblitz Recht gehabt hätte: „There Is No Alternative“ – es gibt keine Alternative. Ein Nonsens mehr.
 
So wursteln wir uns nach angelsächsischen Vorgaben von TBTF zu TINA durch, verhaspeln uns in immer dichtere internationale Verstrickungen, werden in die Kollektivhaftung genommen, zahlen am irgendwo veranstalteten Unsinn mit, lassen uns fremdbestimmen und spüren nicht, was mit uns passiert – genau so, wie es von uns verlangt wird.
 
Die Blasen werden platzen. Das Finanz-Kartenhaus wankt immer mehr. Ein schwacher Trost. Die sich abzeichnenden ohrenbetäubenden Knalleffekte mit dem schmerzhaften Folgen hätte man sich ersparen können, wäre uns nicht dummerweise die TINA im Wege gestanden.
 
Literatur zum Thema
Hess, Walter: „Kontrapunkte zur Einheitswelt. Wie man sich vor der Globalisierung retten kann“, Verlag Textatelier.com, CH-5023 Biberstein 2005. ISBN 3-9523015-0-7.
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Globalisierung
31.12.2004: Bilanz 2004: Überhaupt nichts im Griff
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